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Herta Wilk, Volkskundlerin (1918 - 1992)

Am 3. Juli 1992 verstarb in Böblingen nach längerer Krankheit die Volkskundlerin Herta Wilk. Sie wurde am 24. Dezember 1918 als jüngste Tochter des Lehrerehepaares Claudia und Emil Wilk in Tartlau, Siebenbürgen, geboren. Sie besuchte das Lehrerinnen-Seminar in Schäßburg; im Alter von 26 Jahren wurde sie, 1945, zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt, von wo sie nach vierjähriger Arbeit in einer Kohlengrube des Donez-Beckens in ihre Heimatgemeinde zurückkehrte. Dort unterrichtete sie 25 Jahre lang ununterbrochen an der deutschen Volksschule.

Herta Wilk (1988). Foto: Archiv Werner Schunn.

Herta Wilk war eine der ersten Lehrerinnen des Burzenlandes und Siebenbürgens, die die methodischen Techniken des kreativen Arbeitsunterrichts in die Praxis umsetzten. Ihr Bruder Helmut, Lehrer in Schleswig-Holstein, schickte ihr Literatur und didaktische Modelle für die Bereiche des Grundschulunterrichts; didaktisches Informationsmaterial, aber auch Unterrichtsmittel, und die für ihre spätere Arbeit so bedeutsamen Millimeter-Papierbogen kamen aus Plauen in der damaligen DDR. Herta Wilk war aber auch eine der ersten Lehrkräfte Rumäniens, die, ausgehend vom Prinzip schülerischer Eigenaktivität, die Grundlagen der Orffschen Schulmusiklehre in den Unterricht einführte. Sie ließ sich die Orffschen Klang- und Rhythmusinstrumente aus dem Westen kommen und verwendete diese, so daß ihr Musik-Unterricht damals zur didaktischen Sensation wurde. Jedes Kind besaß nicht nur die schon früher verwendete Blockflöte, sondern auch die Melodica: eine Tasten-Mundharmonika. Auf den Instrumenten und anhand selbsterdachter und gemalter Bilder erlernten die Kinder spielerisch die Umsetzung von Tönen in Notenbilder und umgekehrt. Lehrerkollegen des Burzenlandes, ja sogar des ganzen südsiebenbürgischen Raumes, Schulleiter und Schulräte, die an Fortbildungskursen teilnahmen, informierten sich über Herta Wilks didaktische Praxis. Ganze Lehrergruppen kamen zu ihren Vorführstunden; ihr Anschauungsmaterial, ihre Wandtafeln und Notenbilder wurden unter den deutschen, rumänischen und ungarischen Grundschullehrern bekannt und in vielen Fällen übernommen.

Herta Wilk förderte zudem die Herstellung und das Tragen von Kindertrachten. Aber schon früher war sie um das Auffinden, Sammeln, Bewahren und Interpretieren authentischer siebenbürgisch-sächsischer Volkskunst bemüht. Zunächst galt ihre Aufmerksamkeit der Leinenstickerei und der Webetechnik. Im Jahre 1976 veröffentlichte sie im Bukarester Kriterion-Verlag die Mappe "Sächsische Leinenstickereien aus Tartlau". Einige Jahre später, 1982, erschien, ebenfalls bei Kriterion, die Mappe: "Siebenbürgisch-sächsische Webmuster aus Tartlau". Eine dritte Mappe mit Webmustern aus dem gesamten siebenbürgisch-sächsischen Kulturraum blieb bisher leider nur Manuskript. Auf 55 bzw. 51 Tafeln sind in den beiden veröffentlichten Mappen, ähnlich den in zahlreichen Auflagen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts von Emil Sigerus veröffentlichten, Textilmuster dargestellt: alle von Herta Wilk bei jahrelanger Suche in den Truhen und Wäscheschränken der Tartlauer Hausfrauen entdeckt, dann fotographiert und in zeitaufwendigen, akribisch gemalten Raster-Millimeter-Tafeln festgehalten. Daß Herta Wilk nicht nur Sammlerin war, sondern ihre Muster auch verglich, deutete und bewertete, beweisen die umfangreichen Einführungen zu ihren Mappen. In diesen weist sie auf historisch und ethnographisch relevante Kriterien und Perspektiven hin, stellt sächsische Volkskunst der rumänischen und ungarischen gegenüber und weist Überlappungen und gegenseitige Beeinflussungen nach. Sie schildert am Beispiel von Greif, Hirsch, Einhorn oder Lilie Herkunft und Abwandlung der Muster in Form und Zeit. Diese Ausführungen über die Textilmuster - sie wurden von Herta Wilk auch in Dia-Vorträgen und in gekürzter Form in den deutschsprachigen Presse Rumäniens, ab 1987 auch in der Siebenbürgischen Zeitung, München, veröffentlicht - hatten eine wichtige multiplikatorische Funktion. Besonders die erste Mappe, die in mehreren Auflagen in tausenden Exemplaren erschien, wurde fester Bestandteil vieler Bibliotheken und Haushalte sowohl in Siebenbürgen als auch bei Siebenbürgern im Westen; Teile ihrer Muster erschienen in einer bekannten bundesdeutschen Handarbeitszeitschrift. Herta Wilk war sich dessen bewußt, daß ihre Mappen nicht nur Sammelgut sind. Sie sagte dazu:

Die Beschäftigung mit den Ornamenten der Leinenstickereien ist kein museales Hobby, die Vorlagen können auch heute, mit aller Rücksicht, die man dem gewandelten Geschmack und der Mode zollt, vielseitig verwendet werden. Sie bieten jedem Liebhaber der Handarbeit einen reichen Schatz altererbter und im Laufe der Zeit bereicherter Schönheit.

Das Handwerk des Stickens und Webens, die Geschichte der Weberzunft im Burzenland, ja auch die des Anbaus von Hanf und Flachs im Laufe der Jahrhunderte und die sich daraus ableitenden Flur-, Hattert- und Bachnamen standen ebenfalls im Interessenbereich der Volkskundlerin, wie ihr überhaupt Förderung und Pflege des Authentischen ein ständiges Anliegen waren. Oft stritt sie mit Mädchen und Frauen, wenn diese beim Tragen der Festtrachten dazu unpassende Stöckelschuhe und Nylonstrümpfe anzogen.

Jahrzehntelang pflegte Herta Wilk außerdem die Töpferei und die Volkskeramik. In den Sommerferien arbeitete sie im bekannten ungarischen Töpferdorf Korund in den Ostkarpaten bei einem professionellen Töpfer; sie erlernte das Töpfern und das Bemalen und Brennen von Kannnen, Tellern, Schüsseln, Schalen und Ofenkacheln, beschaffte sich Malvorlagen und Farben und bemalte Hunderte von ihrem Töpfer nach ihrem Wunsch geformte Krüge und andere Gefäße.

Seit 1961 wieder im Elternhaus wohnhaft, begann sie dort ein Volkskunde-Museum einzurichten, in dem zunächst Möbel und Haushaltsgegenstände einer für das Ende des 19. Jh. typischen Bauernstube standen; allmählich kamen dann zahlreiche Haus- und Hof-Gebrauchsgegenstände ins Museum. Wenn Herta Wilk nicht so früh mit dieser Sammlertätigkeit begonnen hätte, wären wertvolle Stücke dem Unverständnis der Menschen, geschäftstüchtigen Antiquitätenhändlern oder auf Profit bedachten Leuten vom staatlichen "Patrimoniu"-Dienst zum Opfer gefallen. Die Sammlungsstücke füllen heute ein Museum in der Tartlauer Kirchenburg.

Herta Wilk war nicht nur ein kerniger Mensch, sondern auch einer der geistigen Pole ihrer Burzenländer Umwelt. Ein früh auch als Folge der Deportations-Jahre sich einstellender Diabetes schränkte ihre Arbeitskraft und ihren Tatendrang in den 80er Jahren immer mehr ein.

Not und lückenhafte medizinische Betreuung zwangen sie dazu, sich für die Ausreise nach Deutschland zu entschließen. In Böblingen konnte sie nicht richtig Fuß fassen. Ihre Anpassungsfähigkeit an das hektische, allzuoft auf Äußerlichkeiten beschränkte Leben der neuen Umwelt stieß an Grenzen.

Diese beachtliche Frau war eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des Burzenlandes in den letzten Jahrzehnten. Ihr geistiges und ihr menschliches Vermächtnis - Teile ihres Nachlasses harren noch fachgerechter Aufarbeitung - läßt sich mit einem Spruch von Gottfried Keller ausdrücken - er steht im Vorwort einer der Herta-Wilk-Mappen:

"Lasset uns am Alten, so es gut ist, halten, doch auf altem Grund Neues wirken jede Stund."




Quelle: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 1993

Autor: Hansgeorg von Killyen

Erstellt: 26. Januar 2010 - 21:26. Geändert: 21. Februar 2010 - 17:20.