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Die Tuchfabrik – ehemals größter Arbeitgeber in Tartlau

Wenn man Einblick in die Wirtschaftskraft Tartlaus (ehemalige und heutige) gewähren möchte, dann gehört ein Bericht über die Tuchfabrik Tartlau zwingend dazu. Die Tuchfabrik war bis vor kurzem noch der größte Arbeitgeber Tartlaus. Aus dieser Vormachtstellung wurde die Tuchfabrik verdrängt und heute rangiert der neu errichtete Industriepark vor den Toren Tartlaus als Arbeitgeber Nr. 1.

Anfänge und Entwicklung

Ohne Zugriff auf das Unternehmensarchiv einen vollständigen Bericht über die Tuchfabrik zu verfassen, ist gar nicht so einfach. Ich tue dies nun als Rückblick auf meine Tätigkeit in der Tartlauer Tuchfabrik von 1955 - 1981, mit der Absicht zumindest die wesentlichen Angaben über diesen Betrieb zu machen.

Von der Entstehung dieses Betriebes ist mir nur bekannt, dass er Anfang der 1920er Jahre von der Wollindustrie AG in Tartlau, im Ortsteil Lunca Câlnicului gegründet wurde. Zugleich wurden damals auch Wohnungen für die Leitung, Beamte, Meister und Arbeiter als auch eine Kantine gebaut. So entstand neben der Tuchfabrik die sogenannte "Fabrikskolonie", die sich später erweiterte und ganz besonders in den 1960er Jahren durch den Bau von Wohnblocks vergrößert wurde.

Während des 2. Weltkrieges (1943/1944) wurde der Betrieb durch die Verlagerung vieler Maschinen aus der Tuchfabrik Buhuşi (Region Moldau) nach Tartlau vergrößert, vermutlich um die Maschinen vor der heranrückenden Sowjetarmee in Sicherheit zu bringen. Mit den Maschinen kamen auch viele Fachleute aus Buhusi, von denen sich die meisten in der "Fabrikskolonie", aber auch in Tartlau und in der Lunca niederließen. Es fanden immer wieder An- oder Umbauten wie auch Modernisierungen statt, so z.B. die Modernisierung der Spinnerei Anfang der fünfziger Jahre, später ein neues Kesselhaus und auch sonstige Modernisierungen durch die Anschaffung und Inbetriebnahme neuer Maschinen.

Produktionsprofil und Unternehmensstruktur

In der Zeit meiner Tätigkeit hatte die Tuchfabrik etwa 1500 - 1800 Mitarbeiter (geschätzt), einschließlich der Spinnerei Covasna, die zur Tuchfabrik Tartlau gehörte. Gearbeitet wurde im Dreischichtbetrieb, um die Maschinen voll auszulasten.

Gelände der Tuchfabrik. Foto: Anneliese Stern, 2009.

In der Tuchfabrik Tartlau wurden, wie schon der Name sagt, hauptsächlich Tuche also Wollstoffe hergestellt, davon Anzugstoffe, Mantelstoffe, Stoffe für Schüler- bzw. Militäruniformen, Wolldecken u.a.

Als Rohstoffe wurde hauptsächlich Wolle verarbeitet, und zwar Schurwolle, die von Staatsfarmen, Kollektivwirtschaften und DCA Sammelstellen geliefert wurde, aber auch Reißwolle, Zellwolle, Baumwolle u.a. Die Schurwolle wurde nach Schafrasse und Qualität geliefert. Es gab in Rumänien 5 Schafrassen, die feinste und hochwertigste Wolle war die der Merinoschafe, weiter Rassen waren "Spanca", "Ţigaie", "Stogose" und die allergröbste Wolle kam von der "Ţurcana".

Die wichtigsten Abteilungen des Betriebes waren die Wollsortierung und Wollwäscherei, die Vorbereitung der Kremplerei und Spinnerei, die Vorbereitung der Weberei und die Weberei selber (es gab ca. 170 mechanische Webstühle), die Appretur und die Färberei, dazu verschiedene Werkstätten, die Heizzentrale und die Verwaltungsbüros.

Die Fertigprodukte (die Stoffe) wurden hauptsächlich an Konfektionsfabriken geliefert, in denen sie zu verschiedenen Konfektionen, ein Großteil davon auch für den Export, verarbeitet wurden. Ein geringerer Teil ging an den Handel, wo die Stoffe dann als Schnittware in den Geschäften verkauft wurde.

Bedeutung für Tartlau und die Region

Die Tuchfabrik war für Tartlau ein Segen, denn viele Tartlauer Männer und Frauen bekamen hier einen Arbeitsplatz in einer der vielen Abteilungen, Werkstätten oder Büros. Viele unserer sächsischen Landsleute, die aus Bauernfamilien stammten, wurden nach dem Krieg enteignet und mussten sich nun den Lebensunterhalt anderswo verdienen. Ein Großteil davon kamen in der Tuchfabrik unter und haben sich auch hier als fleißige und tüchtige Mitarbeiter behauptet.

Gelände der Tuchfabrik. Foto: Anneliese Stern, 2009.

Die Tartlauer Tuchfabrik hat aber auch viele Menschen von außerhalb Tartlaus angezogen und ihnen Arbeit gegeben, was dazu geführt hat, dass die Einwohnerzahl beträchtlich gestiegen ist. Erfreulicherweise waren auch sächsische Zuwanderer darunter, die aus Heltau, Agnetheln und auch anderen Orten kamen und in Tartlau eine neue Heimat fanden.

Meinem Bericht über die Tartlauer Tuchfabrik könnte man natürlich noch vieles hinzufügen, ich glaube dennoch ein übersichtliches Bild dieses Betriebes gezeichnet zu haben. Der Bericht soll dazu beitragen einiges vor dem Vergessen zu bewahren.

Im Internetzeitalter ist es ein Leichtes bestehende Artikel zu ergänzen. Sofern es weitere, lesenswerte Informationen gibt, wie auch Dokumentation in Form von Fotos, kann dieser Artikel natürlich auch nachträglich erweitert werden.


Autor: Wolfgang Steiner

Erstellt: 5. Dezember 2009 - 8:48. Geändert: 23. September 2010 - 16:45.

Zusatzinformationen von A. Sterns

Hier noch ein paar zusätzliche Informationen über die Tuchfabrik, die ich dem Artikel von Anneliese Sterns im "Tartlauer Wort" (Ausgabe Weihnachten 2009) entnommen habe:

Die Tartlauer Tuchfabrik wurde 1922 auf dem Gelände der ehemaligen Papierfabrik Copony gegründet. 1929 wurde sie infolge der großen Wirtschaftskrise stillgelegt und 1933 wieder in Betrieb genommen. Durch die nahende Ostfront 1943/1944 wurde ein Großteil der Maschinen aus der Zweigstelle Buhuşi (Moldau) nach Tartlau verlegt. Damit wurde die Tartlauer Tuchfabrik erstmals vergrößert. Nach der Nationalisierung wurde 1952 die neue Spinnerei gebaut und mit neuen Maschinen aus Italien, der DDR und Polen ausgestattet. In den siebziger Jahren wurde die größte Wollwäscherei Rumäniens in Tartlau in Betrieb genommen. Von 1922 bis 1948 sprach man von der Tartlauer Tuchfabrik, von 1948 bis Ende der fünfziger Jahre hieß sie "Constantin David" und danach bis 1990 "Fabrica de Postav Prejmer".

1997 funktionierte die Tuchfabrik nur noch auf Sparflamme (zehn Prozent der Kapazität von früher). Etwa im Jahr 2000 wurde die hochverschuldete Fabrik von der Bank übernommen und verwaltet. Der neue Besitzer hat die Maschinen inzwischen verschrottet bzw. ein Kilogramm Eisen für einen Leu verkauft. Die Hallen und Gebäude wurden vermietet. Damit ist die Tartlauer Textiltradition zu Ende gegangen.