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Kirchenburg Tartlau - UNESCO-Welterbestätte seit 1999

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Die Nerzfarm in Tartlau

Es gab auch in der Nachkriegszeit gute Jahre für einige Landwirtschaftszweige in Siebenbürgen. Selbst unter den Voraussetzungen der Planwirtschaft gab es lobenswerte Initiativen und sich daran anschließendes erfolgreiches Wirtschaften. In diesem Zusammenhang ist auch der Betrieb einer Nerzfarm in Tartlau zu nennen.

Aufbau der Farm

Das "Landwirtschaftliche Staatsunternehmen Tartlau" hatte viele Wirtschaftszweige: Vieh-, Schweine- und Hühnerzucht, Ackerbau, Molkerei, Metzgerei und Spiritusbrennerei.

In den sechziger und siebziger Jahren war es ein Vorzeigeunternehmen der Staatswirtschaft und man wagte die Einführung eines, bei uns noch nie da gewesenen, Wirtschaftszweiges. Die Kleintierzucht von Nerzen ging mit staatlicher Unterstützung an den Start.

Nerzschuppen in Tartlau gebaut nach dem Muster aus Appelburg.

Die bekannte Forellenzucht zählte auch zu der Kleintierzucht. Die Gemeinsamkeit mit der Nerzzucht ergibt sich aus der Ähnlichkeit der Futterzubereitung.

Im November 1966 wurde Georg Rosenauer, der als Forellenzüchter langjährige Erfahrung gesammelt hatte, in die DDR nach Appelburg in eine der größten Nerzzüchtereien Europas geschickt, um diesen neuen Produktionszweig kennen zu lernen.

Nach fünf Wochen praktischer Schulung brachte er Fachliteratur mit den nötigen Anweisungen zur Haltung und Fütterung der Nerze und die ersten 250 Standard-Zuchtnerze mit dem Flugzeug nach Rumänien.

Kühlanlage und Fellbearbeitungswerkstatt.

Im Laufe der Jahre wurden dann auch aus Norwegen, Dänemark, Belgien und Kanada Zuchtnerze nach Tartlau eingeführt. Es waren verschiedene Farben dabei wie: Hedlund, Royal Pastell, Pearl, Silver Blue und Jet Black.

In Tartlau in der Nähe vom "kleinen Bahnhof" (im "Burchhom") wurden die Nerzschuppen und Gehege nach dem Muster aus Appelburg gebaut. Später folgte dann die Kühlanlage für die Lagerung der Futtervorräte, Futterküche und Fellbearbeitungswerkstatt.

Wissenswertes über Nerze

Der Nerz ist ein Edelpelztier, ein kleines dunkelbraunes Raubtier und hat eine Ähnlichkeit mit dem Iltis, Steinmarder und Baummarder. Er lebt in freier Wildbahn in Amerika und dem Donaudelta, wie der Fischotter an Wasserläufen und Seen und ernährt sich von Fischen, Mäusen, Vögeln und Kleintieren und ist ein guter Schwimmer.

Der Nerz wird wegen seines wertvollen Pelzes gezüchtet. Die Nerzmäntel und Nerzmützen sind sehr teuer und doch sehr begehrt.

Seit etwa 150 Jahren werden Nerze in Farmen gezüchtet. Dank der Mutationen, Auslese und Kreuzungen ist es gelungen im Laufe der Jahre viele Farben und Nuancen zu schaffen - von schneeweiß bis pechschwarz.

Nerz in "Hedlund-Weiss".

Abfälle aus der Fisch- und Fleischverarbeitung wurden zur Zubereitung des Nerzfutters verwendet. Die Futterzusammenstellung bei der Futterzubereitung in den verschiedenen Zucht- und Lebensphasen der Nerze ist von großer Bedeutung. Wenn das Futter nicht frisch ist, wird es von den Nerzen nicht gefressen. Der Pelz, seine Größe, Glanz, Güte und Farbe, ist der Spiegel der Fütterung.

Einmal im Jahr ist Paarungszeit (Ranz). Diese beginnt Ende Februar und dauert bis Ende März. Die Trächtigkeitsdauer ist verschieden und dauert zwischen 35 und 50 Tagen, ganz selten bis 70 Tage. So ist auch die Wurfgröße verschieden, von 1 bis 12 Welpen. Der Durchschnitt liegt bei 5 Welpen pro Fähe.

Die Welpen kommen nackt, blind und zahnlos zur Welt und wiegen 6-9 g und sind 6-7 cm lang. Die Muttermilch ist sehr fett, darum wachsen die Welpen sehr schnell. In 30 bis 35 Tagen öffnen sich die Augen und im Alter von 40-42 Tagen kann man sie schon abspänen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Welpen schon selbstständig und werden paarweise in andere Gehege verlegt, wo sie bis zum Pelzen oder zur Zuchtauswahl verbleiben.

Nerz in "Jet Black".

Beim Abspänen kann man mit 3 Welpen pro Fähe rechnen. Weil alles in so kurzer Zeit vor sich geht und Tausende von Nerzfähen zu beobachten sind, muss die Evidenz bei der Ranz, Aufzucht und beim Abspänen mit großer Genauigkeit und ohne Verspätung geführt werden, sonst kann man mit großen Verlusten rechnen. Die Nerze fressen sich bei Platzmangel gegenseitig auf.

Gegen Krankheiten wie Hundestaupe und Botulismus wird jährlich geimpft. Das Gebiss der Nerze ist sehr scharf, darum wird das Fangen und Transportieren der Nerze mit Hilfe der Transportkisten, Handschuhen und Impfkisten gemacht.

Die Pelzernte (das Pelzen) wird Anfang Dezember vollzogen, wenn der Winterpelz vollkommen ist. Die Prozedur bei der Pelzernte ist ganz verschieden, so auch die Entfettung, Trocknung und Lagerung der noch nicht gegerbten Nerzfelle.

Aufstieg und Niedergang eines Landwirtschaftszweigs

In den Jahren, bevor die Tierschützer das Sagen hatten, war die Nerzfellproduktion sehr hoch. Dänemark und Russland z.B. erzeugten jährlich je 5 Millionen Nerzfelle. In Tartlau wurden in den besten Jahren bis etwa 40.000 Nerzfelle im Jahr erzeugt.

In letzter Zeit ist die Produktion aller Pelztierarten weltweit sehr zurück gegangen. Jedoch die Nachfrage von Pelztierfellen steigt langsam wieder.

In Tartlau wurde nach der Wende dieser Produktionszweig eingestellt. Die Nerzschuppen stehen leer und die Kühlanlage funktioniert auch nicht mehr. Dabei ist unklar ob hier ein unrentables Geschäft eingestellt wurde oder ob mangels klarer Anweisungen "von oben" einfach ein weiterer Landwirtschaftszweig zusammengebrochen ist. Wahrscheinlich trifft eher Letzteres zu. Vielleicht wird die Nerzfarm eines Tages wieder ins Leben gerufen, wenn jemand in Tartlau das unternehmerische Risiko nicht scheut und die nötigen Investitionsmittel auftreiben kann.


Quellen: Fotos aus Familienalbum Rosenauer

Autor: Hans Rosenauer -Lenz-

Erstellt: 5. Dezember 2009 - 15:57. Geändert: 3. Mai 2010 - 11:31.