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Kirchenburg Tartlau - UNESCO-Welterbestätte seit 1999

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Forellenzucht in Tartlau

In der wasserreichen Gegend von Tartlau herrschten hervorragende Bedingungen für die Fischzucht. Das haben die tüchtigen Bürger erkannt und im Laufe der Zeit bemerkenswerte Erfolge auf diesem Gebiet erzielt. Die in Tartlau gezüchteten Forellen waren bis weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt.

Natürliche Bedingungen in Tartlau

Die Forelle ist ein sehr geschätzter und seit alters her bekannter Fisch in unserer Gegend. Wer von uns Tartlauern könnte sich nicht lebhaft erinnern, welch magische Kraft die Forelle auf alle Volksschichten früher bei uns ausübte. Mit ihrer Hilfe öffnete sich gar manche Tür. Sogar "schwierige" Fälle ließen sich sehr gut und elegant regeln.

Tartlau liegt am niedrigsten Punkt der Burzenländer Ebene, ist aus diesem Grund sehr quellenreich und der Grundwasserspiegel liegt sehr hoch. Die Quellen und Quellgebiete liegen auf der rechten Seite entlang des Weges von der Tartelbrücke bis zum Lempesch (Honigberg). Man denke an die vielen Quellen wie Kastenbrunnen ("Lachbrannen") und Bäche in der Gemeinde, dazu kommt noch der Erste und Zweite Kanal, das Kleine und Große "Gespräng" und die Quellen beim Honigberger Wald.

Die bekannten Fischteiche Tartlaus fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Die bekannten Fischteiche Tartlaus fügen sich harmonisch in die Landschaft ein.

Die Tartel führt die Niederschläge aus dem Gebirge in den Schwarzbach. Das Wasser infiltriert sich unterirdisch in die Schotterschichten, bis es auf die tiefen Lehmschichten stößt und kommt als Quelle an die Oberfläche. Im Laufe der Zeit hat sich durch die günstigen Naturbedingungen (sehr sauerstoffreiches Wasser und keine großen Temperaturschwankungen während der Jahreszeiten) eine ganz besondere Forelle entwickelt.

Anfänge und erste Erfolge

Schon 1870 ließ Johann Copony (Lehrer-Prediger) am Mühlbach im Garten von Josef Balint eine Forellenzucht anlegen. Das war ein erster kleiner Versuch auf diesem Gebiet. Obernotär Georg Bruss war der letzte Besitzer dieser Anlage, welche aber längst schon nicht mehr in Betrieb ist. In dieser Zeit gab es bei uns nur die Gebirgsforelle. Die Regenbogenforelle wurde im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts aus den USA nach Europa importiert.

Im Jahre 1936 hat Professor Schunn in dem Gansweiher hinter der Kirche neben dem Incze (Schuster) eine Forellenzucht anlegen lassen. Bei den Grabungsarbeiten hat die damalige sächsische Jugend freiwillig mitgeholfen. Angler und Jäger waren aber skeptisch bei dieser Anlage direkt auf dem Quellgebiet, da sich Sauerstoffmangel und andere Stoffe negativ auf die Zuchtforellen auswirken würden. Das hat sich im Laufe der Zeit auch bewiesen. Deshalb wurden die Zuchtforellen während der Sommerzeit im Mühlkanal des Hofes Boltres-Honius gehalten und kurz vor der Laichzeit in die Forellenzucht überführt. Nachdem die Setzlinge fress- und schwimmfähig waren, wurden sie in den Gebirgsbächen ausgesetzt.

Staatliche Betriebe nach 1945

Oben genannte Forellenzucht wurde 1945 enteignet und von der Jagdfiliale Kronstadt übernommen. Eine große Forellenzucht wurde von staatlicher Seite neben dem Honigberger Wald angelegt und 1954 fertiggestellt. Das nötige Wasser wurde vom großen “Gespräng“ und von den Quellen am Honigberger Wald hergeleitet. Die Wasserfläche betrug ca. 1 Hektar und umfasste 15 Mastteiche und 13 Setzlingsteiche.

Ebenfalls von staatlicher Seite wurde 1955 am Ersten Kanal hinter den Krautgärten noch eine zweite Forellenzucht gebaut. Auf diesem Gelände befand sich früher eine Ziegelei. Es wurden 5 Mastteiche zu je 250 m Länge und 10 m Breite, sowie 10 Setzlingsteiche angelegt, die eine Gesamtwasserfläche von ca. 1,5 Hektar auswiesen. Die ersten Zuchtforellen wurden aus Sovata gekauft. Es dauerte zwei Jahre, bis die Produktion anlief.

Die Fischteiche wurden zu einem der Markenzeichen Tartlaus. Foto: 2001.

1958 wurden beide Forellenzuchtbetriebe von der Kronstädter Kreiswirtschaft an das staatliche Landwirtschaftsunternehmen Tartlau übergeben. Die Anfangsschwierigkeiten wurden bald überwunden und die Rentabilität war viel besser als erwartet. Es war eine Jahresproduktion von 8 Tonnen Speiseforellen vorgesehen, doch im Jahre 1963 wurde tatsächlich in den zwei Betrieben eine Produktion von insgesamt 86 Tonnen erreicht!

Das Gästehaus der dritten Fischzucht. Foto: 2001.

Das Elektrizitätswerk in Tartlau hatte seine Funktion eingestellt und so stand das Wasser vom Zweiten Kanal zur Verfügung, wodurch 1976 auf dem Gelände vor dem Mühlentor auf der Hutweide eine dritte Zucht aufgebaut werden konnte. So wurde in Tartlau in den nunmehr drei Forellenzuchtbetrieben im Rekordjahr 1983 eine Produktion von insgesamt 110 Tonnen erreicht!

Typische Arbeiten in der Forellenzucht

Für den Besucher stellt sich eine Forellenzucht als stiller, idyllischer Ort dar. Die Arbeit, die hier getan wird, ist jedoch eine physisch eher schwere Arbeit und man ist (zumindest unter den Bedingungen von früher) sehr oft den Wettereinflüssen ausgesetzt.

Einer der typischen Arbeitsgänge ist das Sortieren von Fischen der Größe nach. Tut man das nämlich nicht, fressen die besser entwickelten Fische die kleineren einfach auf. Das Sortieren wurde anfangs noch manuell durchgeführt, war aber damit sehr aufwändig. Mit etwas Initiative und Erfindergeist konnten wir eine kleine, halbautomatische Sortieranlage bauen, die es ermöglichte nach dem Einkippen der Fische in die Anlage, diese in 3 Größen zu trennen. Das Sortieren wurde jährlich zweimal durchgeführt.

Beim Sortieren der Forellen.

Eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit ist das Heranziehen der Fischbrut in den dafür vorgesehen Kästen im Bruthaus. Eines der angewandten Brutsysteme war das System „Rückel-Vacek“. Hier geht es um ein Brutsystem, dass unter natürlichen Bedingungen, d.h. ohne Aufwärmen des Wassers in den Brutkästen, das Ausbrüten der befruchteten Fischeier ermöglicht.

Arbeiten im Bruthaus.

Die Brutperiode erstreckt sich von etwa Ende Januar bis Mitte März. Die Regenbogenforelle schlüpft 330 Tagesgrad nach der Befruchtung (d. h. bei einer mittleren Tagestemperatur von 10 Grad würde der Fisch nach 33 Tagen schlüpfen). Täglich wurde die Temperatur gemessen, um damit auf den Zeitpunkt des Schlüpfens schließen zu können.

Brutkästen in der dritten Fischzucht in Tartlau. Foto: 2001.

Die Zuchtfische wurden in einem eigenen Teich gehalten. Die Zuchtexemplare wurden periodisch aus dem Teich geholt und auf Eier abgetastet. Zwecks Eierentnahme wurden dann die reifen Forellen „gemolken“ und die Eier mit dem Sperma männlicher Fische befruchtet. Die Fischeier werden dann in 2-3 Schichten in den Brutkästen abgelegt und ständig von frischem Wasser umspült. Es wurde natürlich auch Buch geführt über den Zeitpunkt der Befruchtung und die täglich gemessenen Temperaturen.

Die Brutkästen mussten überwacht werden, z. B. um unbefruchtete Eier rechtzeitig auszusortieren. Besonders wichtig war auch die Bekämpfung der Schimmelpilze. Reinlichkeit zu bewahren war oberstes Gebot, um eine möglichst hohe Ausbeute an Jungfischen zu erreichen. Mit diesem System wurde eine Befruchtungs- und Schlupfrate von 85% erreicht.

Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit war die Futterzubereitung und die Fütterung der Fische. Fleischabfälle wurden abgeholt, durch den Fleischwolf gedreht und anschließend verfüttert. Nicht zu vergessen, dass auch bis zu 6 Nachtwächter beschäftigt wurden. Die Versuchung zur „Selbstbedienung“ war natürlich groß ... Insgesamt waren in den 3 Teilbetrieben um die 15 Mitarbeiter beschäftigt.

Bei der Fütterung: es wird plötzlich lebendig im stillen Teich.

Es gab aber auch außergewöhnliche Situationen, mit denen wir als Fischzüchter fertig werden mussten. So herrschte in einem Sommer akuter Wassermangel in der zweiten Fischzucht. In eigens dafür angepassten, riesigen Holzfässern musste der gesamte Fischbestand flugs zur ersten Fischzucht beim Honigberger Wald transportiert werden. Aber auch diese Herausforderung wurde gut gemeistert und der Fischbestand konnte gerettet werden. Nach Ende der Trockenperiode wurde der Betrieb in der zweiten Fischzucht dann wieder aufgenommen.

Fischtransport wegen akuten Wassermangels.

Vorläufiges Ende einer Erfolgsgeschichte

Das nahe gelegene Kronstadt war in letzter Zeit stark gewachsen und konnte bei der Trinkwasserversorgung dem Bedarf nicht mehr nachkommen. Die städtische Wasserwirtschaft hatte es schon lange auf die Quellen aus Tartlau abgesehen, um den Wasserbedarf von Kronstadt zu decken. 1988 wurden von der Tartelbrücke bis zur Hutweide 85 Bohrungen von je 40 bis 60 Meter Tiefe vorgenommen. Somit versiegten die Quellen für die Tartlauer Forellenzucht. Hinzu kamen noch andere wirtschaftliche Veränderungen, so dass die Forellenproduktion in den 1990er Jahren fast bis zum Nullpunkt zurückgegangen ist.

Stillgelegte Teiche. Wassermangel und Misswirtschaft haben dazu geführt. Foto: 2001.

Erfreulicherweise ist nun wieder etwas Bewegung in die Fischzucht gekommen. In der ersten Fischzucht beim Honigberger Wald gibt es inzwischen wieder einige bewirtschaftete Teiche und in dem ehemaligen Gästehaus, dass heute zur Gaststätte umfunktioniert wurde, gibt es wieder gute Forellengerichte aller Art.

Ehemaliges Gästehaus der Fischzucht, heute Gaststätte.

Die dritte Fischzucht ist inzwischen in Privatbesitz übergegangen und die Produktion nähert sich langsam dem Stand vergangener Jahre. Dadurch, dass die dritte Fischzucht tiefer gelegen ist als die zweite, herrschen hier bessere natürliche Bedingungen und der künstlich herbeigeführte Wassermangel macht sich hier weniger bemerkbar.


Quellen: Fotos aus Fotoalbum Fam. Rosenauer

Autor: Georg Rosenauer sen.

Erstellt: 31. Oktober 2009 - 9:07. Geändert: 3. Mai 2010 - 11:30.